Konsent oder Konsens?

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Konsent?

Moment...heißt das nicht richtig "Konsens"?

Konsent ist ein Wort aus dem Englischen, das ich in meiner Übersetzungsarbeit im Zusammenhang mit der Soziokratischen Methode so ins Deutsche übernommen habe.

Dies hat den folgenden Hintergrund:

Im amerikanischen Sprachraum wird unterschieden zwischen "Consensus" und "Consent".

Wobei "Consensus" eher einen Zustand beschreibt in dem man sich befindet. Etwa: "(allgemein) übereinstimmender Meinung sein" oder "(allgemeine) Übereinstimmung".

"Consent" beschreibt hier eher eine Teilhabe an einem konkreten Entscheidungsprozess. Etwa: "einwilligen in..." oder "sich bereit erklären zu..." oder auch "zustimmen".

Mit dem für den deutschen Sprachgebrauch neuen Wort möchte ich aber auch eine neue Haltung beschreiben, die der Entscheidungsfindung in der Soziokratie zu Grunde liegt. Ein Aspekt in der Soziokratie ist die "Dynamische Steuerung". Trifft eine Gruppe eine Entscheidung, so heißt das nicht, dass diese einzelne Entscheidung als Richtlinie bis zum Erreichen des Zieles eingehalten werden muss. Was ist hier "dynamisch" an der Steuerung? Dynamische oder auch "lebendige" Steuerung braucht mehr als eine einzige entscheidungsfindende Sitzung, um den Weg zum Ziel zu beschreiben.

Warum? Und warum dann der Unterschied zwischen "Konsent" und "Konsens"?

Ich habe mehr als eine Gruppensitzung erlebt, in denen die Gruppenmitglieder sehr ängstlich waren, eine Entscheidung zu treffen, weil sie glaubten, nicht ausreichend weit genug in die Zukunft blicken zu können. Aus diesem schmerzlichen Bewusstsein heraus wurden dann tatsächlich KEINE Schritte unternommen, "weil wir ja nicht wissen können, was uns auf unserem Weg in Zukunft begegnen wird". Selten wird dies so klar formuliert. Eher ist ein allgemeines Unbehagen zu spüren und der Wunsch wird laut, mehr Informationen zu sammeln oder mehr Zeit für eine Entscheidung zu bekommen. Ist dies vielleicht einer der Gründe, warum die sogenannten "Entscheidungen im Konsens" im Allgemeinen als sehr ermüdend und langatmig erfahren werden?

Der Hintergrund aber ist immer die Haltung und der Glaube, eine einzige "richtige" Entscheidung sei nötig, um dann das Ziel sicher erreichen zu können. Mein Gott! - Welche Verantwortung und damit welche Ängste davor, "falsche" Entscheidungen zu treffen!

"Dynamisch" im Sinne der Soziokratischen Methode spiegelt nun eine neue Haltung wider, dass wir niemals in der Gegenwart so viel Information zur Verfügung haben werden, um eine einzige Grundsatzentscheidung zur Maxime unseres Handelns zu machen.

Basis für eine Grundsatzentscheidung im dynamischen Prozess ist vielmehr die Offenheit für folgende Frage:

Welche Informationen über die Wirklichkeit stehen uns genau jetzt zur Verfügung als Grundlage für eine Entscheidung?

Und angenommen, die Zukunft erzählt uns etwas anderes über die Wirklichkeit, sind wir dann bereit und fähig unsere Entscheidung anzupassen?

In diesem Bewusstsein - in dieser Haltung - können wir nun ohne Angst vor Fehlern Entscheidungen treffen.

Und...wohin werden wir mit dieser Haltung unsere Aufmerksamkeit richten?

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Mir sind nur wenige Menschen bekannt, die von sich behaupten, in die Zukunft schauen zu können. Jedenfalls sind es noch nicht genug, um mein momentanes Bild der Realität zu verändern. Nein - ich denke, das, von dem wir glauben, es werde unseren Weg zum gemeinsamen Ziel beeinflussen können, gewinnen wir aus unseren Erfahrungen aus der Vergangenheit mit den jeweiligen Interpretationen dazu - und einem Funken Intuition und Inspiration.

Mit dem Wort "Konsent" verbinde ich diese Offentheit und Freiheit, genau die vorhandene Information im Hier und Jetzt zu nutzen, um einer Entscheidung zustimmen zu können, von der ich weiß, dass sie immer wieder einer Korrektur bedarf.

Zum Anderen bedeutet "Konsent" für mich die klare und bewusste Entscheidung, im Hinblick auf ein gemeinsamen Zieles. Das ist anders als beim anfangs beschriebenen Zustand des "allgemeinen Übereinstimmens" im Konsens.

Warum nun soll ein "Konsent" anders als "Konsens" eine klare Entscheidung sein? Und warum ist hierbei der Fokus auf ein gemeinsames Ziel wichtig?


Der Konsens als Zustand der "allgemeine Übereinstimmung" ist mehr oder weniger beliebig. Ich kann mit Situationen im Außen zufrieden sein oder nicht - mit Meinungen und Entscheidungen übereinstimmen oder nicht, unabhängig ob sie mich betreffen oder nicht. Beim Konsent, wie ich ihn hier als neuen Sprachgebrauch vorschlage, setze ich immer eine konkrete Teilhabe voraus. Wenn ich meinen "Konsent gebe" - wenn ich einer Entscheidung zustimme, so drücke ich damit auch meine aktive Beteiligung aus. Ich erdulde damit nicht mehr eine Entscheidung, sondern nehme daran teil.

Und was macht den Unterschied aus?

Woher kommt die Energie - meine persönliche Motivation - zur Beteiligung?

Der Wunsch, in einer Gruppe zusammen zu arbeiten, entsteht aus dem Fokus auf ein gemeinsames Ziel und dem Willen, den Weg dorthin GEMEINSAM zu beschreiten. Im Englischen beschreibt diesen Zusammenhang das Wort "Commitment" ganz gut. Im Deutschen vielleicht zu übersetzen als "Bereitschaft, Festlegung, Bindung, Engagement".

Der klare innere Entschluss, bei einer Sache dabei zu sein.

Hierbei ist auch dieser Entschluss nicht irreversibel und bedarf ständiger Überprüfung an den Informationen im Hier und Jetzt, ob dieses "Commitment" für mich noch stimmig ist.

Findet diese Überprüfung nicht statt, so zeigt die Erfahrung, dass Gruppensitzungen zäh werden und Entscheidungen nicht mehr leicht getroffen werden können. Die nötige Energie, die persönliche Bereitschaft, ein Ziel GEMEINSAM zu erreichen kommt dann schnell abhanden.