Gewaltfreie Kommunikation, Soziokratie und gesellschaftlicher Wandel

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Gewaltfreie Kommunikation, Soziokratie und Gesellschaftlicher Wandel



Entwurf


26. Januar 2006



Mitch (Michele) Henrion


Mit wesentlichen Beiträgen von:

Beachte, dass diesen Personen bisher ein vorangegangenes Papier vorlag, allerdings noch keine Gelegenheit hatten, dieses neue deutlich veränderte Papier zu lesen. Paula Kolthoff, Niederlande Dominic Barter, Brasilien Meta Hough, USA John Buck, USA

Übersetzung: Isabell Dierkes, Deutschland

Für Kommentare und Fragen email in Englisch an:


mmh@alum.mit.edu;


in Deusch an:

Soziokratisches Zentrum; 0049(0)5741-3322554

soziokratie@googlemail.com


Teil I


Warum Soziokratie? Reicht nicht Gewaltfreie Kommunikation?


Als ich über diese Frage nachdachte, kam mir eine andere Frage in den Sinn – Warum Gewaltfreie Kommunikation?


Ich habe Menschen, die noch nie etwas über GFK gehört hatten, in GFK-Weise handeln gesehen. Viele waren es nicht, aber wenn es geschah, wurde ich ganz ehrfürchtig und dachte: “Eine geborene Giraffe!” Ich wundere mich dann immer, wie sie das, was ich mühsam zu erreichen versuche, so natürlich und einfach tun.


In solchen Momenten bin ich daran erinnert, dass die Menschen überall auf der Welt ganz verschiedene Wege haben, mit sich und anderen in Verbindung zu kommen, ihr Leben voll und ganz zu leben und die Erde in einem anderen Zustand zu hinterlassen, als sie ihn vorgefunden haben.


Obwohl das “Vier-Schritte-Modell” der Gewaltfreien Kommunikation den Kontakt zu einer tieferen Energie in mir selbst so unterstützt, wie ich es schätze und wie ich es anderswo nicht gefunden habe, so ziehe ich doch auch Nutzen aus anderen Dingen. Das Zusammensein mit Freunden, die mich in meinem Bemühen unterstützen, und das Schreiben sind beides Dinge, die mein Leben wesentlich bereichern.


Einige Freunde/innen von mir machen Übungen, meditieren, haben ein spirituelle Leben oder verbringen Zeit in der Natur – alles mit dem Ziel, sich zu “zentrieren”, ihre “Balance zu finden” oder die “Verbindung mit dem, was wirklich wichtig ist”.


So viele verschiedene Wege es gibt, diesen bestimmten Zustand zu erreichen, so viele verschiedene Wege gibt es, darauf Bezug zu nehmen. Einige Beschreibungen deuten eher auf eine individuelle Erfahrung hin, einige eher auf die Verbindung zu anderen. Wieder andere beziehen sich auf das Funktionieren von Gruppen oder Systemen.


In der Welt der Gewaltfreien Kommunikation habe ich oft davon gehört, “mit dem in Kontakt zu kommen, was gerade lebendig ist in mir und anderen”. Übende in anderen Disziplinen sprechen davon “sich mit dem Einsein mit allen Dingen” oder mit “der universellen Energie” oder mit “…dem Göttlichen” zu verbinden. Einige Business Gurus sprechen vom “Geist” oder der “Moral” in Organisationen oder reden von “lernenden Organisationen”. Im Sport gibt es den Begriff der “Dream Teams”. In einigen Wissenschaftsbereichen und in der Soziokratie, drücken die Worte “dynamisch” und “organisch” die Beschreibung von lebendigen Systemen aus.


Also, warum Gewaltfreie Kommunikation? Was macht sie so besonders? Warum brauchen wir Gewaltfreie Kommunikation, wenn es schon so viele Wege und Techniken gibt, die uns helfen, ein erfülltes und effektives Leben zu führen?


Für mich ist die Antwort in folgender Geschichte zu finden:

Ich las einmal ein fantastisches Buch über weitverbreitete Beziehungsmuster und ihren Ursprung. 
Durch die ganze erste Hälfte des Buches hindurch fühlte ich großen Respekt vor der Klarheit
der tieferen Einsichten des Autors. Ich war sehr inspiriert und hoffnungsvoll, wenn ich
daran dachte, was diese Einsichten für mein Leben bedeuten könnten. Dann begann ich mit der
zweiten Hälfte des Buches, wo der Autor Tipps gab, wie man unbequeme Verhaltensmuster
aufgeben könne. Von da an
war ich entmutigt. Ich las das Buch nie zu Ende. Sein häufigster
Vorschlag war, sein Herz zu öffnen und zu lieben. In meiner Vorstellung rief ich:
“Na klar würde das helfen, aber wie MACHT man das?!”


Für mich ist also die Antwort auf die Frage, was an der Gewaltfreien Kommunikation so besonders ist, dass sie mir konkrete Vorschläge gibt, was ich MACHEN kann, “um mein Herz zu öffnen”, “zu lieben “ – mich (wieder neu) mit der Energie der Freude in mir zu verbinden. Sie hat meine Lebensqualität verbessert – radikaler und schneller als alles andere, das mir vorher begegnete. Sie zeigt mir einen Weg auf, wie ich sowohl mit meinen Erfahrungen umgehen kann, als auch mein Denken strukturieren kann.Das unterstützt mich ständig dabei, die Schönheit in mir und anderen zu erkennen.


Wäre ich eine “geborene Giraffe” und könnte all dies ohne GFK; wenn ich auf ganz natürliche Weise von Gefühlen und Bedürfnissen sprechen würde und klare Bitten formulieren könnte, dann könnte ich mir nicht vorstellen, warum ich mich für GFK interessieren sollte. Ich könnte mich daran freuen, mein intuitives Handeln theoretisch beschrieben zu sehen, und ich könnte anerkennen, dass dieser Rahmen anderen Menschen eine Hilfe bietet. Ich würde jedoch wahrscheinlich wenig Nutzen darin sehen, die GFK zu lernen.


So, und nun zu der Frage: Warum Soziokratie?


Wäre ich Teil eines Teams oder einer Organisation, die auf natürliche Weise, durch Anwenden der GFK-Methode, oder durch andere Wege so funktionieren würde, dass ich durch und durch Freude an der gemeinsamen Arbeit hätte, und wo wir regelmäßig eine Synergie spürten, dann – ja, dann könnte ich mir nur schwer vorstellen, wieso ich ein Interesse an Soziokratie haben sollte.


Das Team im folgenden Bericht hätte wahrscheinlich wenig Nutzen von der Soziokratie, es sei denn als Erklärung dafür, was zu ihrem phänomenalen Erfolg beiträgt. In dreizehn Jahren haben sie elf Weltmeisterschaften gewonnen:


“Durch Planung und Talent”, schrieb der Basketballspieler Bill Russell, über sein Team, die Boston Celtics, “sind wir ein Team von Spezialisten. Wie ein Team von Spezialisten in jedem Gebiet, hängt unsere Arbeit sowohl vom individuellen Können als auch von der Zusammenarbeit ab. Keiner von uns hatte Schwierigkeiten zu verstehen, dass wir einander mit unserem speziellen Können gegenseitig ergänzen mussten; es war eine schlichte Tatsache, und wir alle versuchten Wege zu finden, unsere Kombination effektiver zu machen… Außerhalb des Spielfelds waren die meisten von uns komische Kauze - nach gesellschaftlichem Standard betrachtet – und nicht unbedingt die Menschen , die sich gut anpassen oder sich so äußern, wie es von ihnen erwartet wird.”


Russell weist uns darauf hin, dass es nicht Freundschaft ist, sondern eine andere Art der Teambeziehung, die sie zu einem besonderen Team machen. Diese Beziehung war die Grundlage für die großartigsten Momente in seinem Sport, mehr als jeder individuelle Triumph: “Jedesmal wenn das Celtic Game in Schwung kam, wurde es mehr als nur ein körperliches oder auch ein geistiges Spiel.”, schrieb er,” Es wurde magisch. Das Gefühl ist schwer zu beschreiben, und ich könnte sicher nicht während des Spiels darüber reden. Wenn dieser Zustand eintrat, dann konnte ich fühlen, wie mein Spiel in einen anderen Bereich hinüberging… Es umgab nicht nur mich und meine Spieler, sondern auch die Spieler des anderen Teams, sogar die Schiedsrichter…In diesem Zustand passierten merkwürdigen Dinge. Auf dem Gipfel des Wettkampfs fühlte ich keinen Wetteifer, was schon Wunder genug ist…Das Spiel wurde so schnell, dass jede Täuschung, jeder Schlag, jeder Pass die reine Überraschung war, und doch konnte mich gar nichts überraschen. Es war, als ob wir in Zeitlupe spielten. In diesen Zauberphasen konnte ich fast spüren, wie sich das Spiel weiterentwickeln würde und wo der nächste Wurf gemacht würde.


Genauso wie ich Leute ohne GFK-Kenntnisse in GFK-Art handeln sah, so habe ich höchst effektive Gruppen von Menschen gesehen, die ohne Kenntnisse von Soziokratie auf soziokratische Weise agierten. Keine Überraschung, dass ich erfahrene GFK-ler in ganz natürlicher Weise Dinge tun sah, die die Soziokratie ganz bewusst einbringt.


Du könntest daraus schließen: “Also brauchen wir nichts anderes zu tun, als GFK für jede/n verständlich zu machen und vertiefender zu üben!” In der Tat glaube ich, dass das funktionieren würde.


Und doch bin ich ein wenig an das Buch erinnert, in dem es hieß: “Öffne dein Herz”. Wie MACHT man das? Wie sorgt man dafür, dass in einer Gruppe jede/r so viel GFK-Übung hat, sodass die Gruppe eine ähnlich magische Erfahrung wie die Boston Celtics macht?


Die Soziokratie hat eine Antwort auf diese Frage. Auf meine Ausgangsfrage: ”Warum Soziokratie?”



Die Geschichte der Soziokratie


Obwohl es mich reizt, geradewegs zu erklären, wie die Soziokratie meiner Ansicht nach die umfassendere Nutzung der GFK unterstützen kann, will ich zuerst etwas über die Entstehung des Wortes “Soziokratie” sagen und euch eine “geborene Giraffe” vorstellen: Gerard Endenburg.


Im frühen neunzehnten Jahrhundert prägte der französische Philosoph Auguste Comte den Begriff Soziokratie als ein soziales System, in dem alle Mitglieder an ihrer eigenen Regierung beteiligt sind. In den darauffolgenden zwei Jahrhunderten wurden soziokratische Ideale von verschiedenen Philosophen und Wissenschaftlern gerühmt, die mit dem sozialen Thema der Herrschaft eines Teil der Gesellschaft (selbst eine Mehrheit) über deren Rest unzufrieden waren.


Gerard Endenburg wuchs auf, durchdrungen von der Idee der soziokratischen Ideale. Seine Eltern traten öffentlich für eine Reform des vorherrschenden sozialen Systems ein und nutzten ihr eigenes Unternehmen (Endenburg Electrotechniek) als Versuchslabor, um die neuen egalitären Prinzipien umzusetzen. Als Kind besuchte Endenburg eine soziokratisch organisierte Schule, die von Kees Boeke, einem international anerkannten Friedensnaktivisten, gegründet wurde. Die soziokratischen Prinzipien dieser Schule basierten auf dem Modell der Selbstorganisation der Quäker.


“Als ich diese Methode in meiner Schule ausprobierte, fand ich heraus, dass es wirklich funktioniert, vorausgesetzt, die Interessen der anderen werden als genauso real und wichtig anerkannt wie die eigenen. Ausgehend von dieser fundamentalen Idee, erwächst eine Gutwilligkeit, die in der Lage ist, Menschen aus allen Bereichen der Gesellschaft und mit ganz unterschiedlichen Ansichten zusammen zu bringen.”

. . . In seiner Schule begann der Prozess mit “Besprechungen” und wöchentlichen Treffen, mit gleichberechtigter Beteiligung der LehrerInnen und SchülerInnen. Boeke hatte die Vision, dass die ganze Gesellschaft auf diese Weise strukturiert werden könnte. Kees lehrte die Kinder in dieser Schule, für ihre eigene Erziehung verantwortlich zu sein und sie blühten auf.

. . . Gerard Endenburg beendete seine Schullaufbahn unter Kees Boeke und ging dann an eine traditionelle Technische Schule. Dieser Wechsel von einer soziokratischen an eine autoritäre Schule war dramatisch für Endenburg. Der Ausbilder war ein Autokrat, der den Klassenraum beherrschte. Die Schüler waren still oder auch mürrisch und bildeten keine kooperativen Gruppen. Es gab sogar Schläger. Endenburg war überrascht, passte sich aber schnell an. Er hatte von Boeke gelernt, dass das Verhalten der Menschen beeinflusst wurde von der vorherrschenden Führungsstruktur.

. . . Nach dem Militärdienst arbeitete Endenburg für Philips Elestronics und zeigte bald sein technisches Talent in der Entwicklung eines Flachlautsprechers, der heute noch in kleinen Radios und anderen elektronischen Geräten im Einsatz ist.

. . . An diesem Punkt unterbrach Endenburgs Vater dessen Karriere bei Philips und forderte ihn damit heraus, seine Managementfähigkeiten zu testen. Sein Vater hatte eine kleine, erfolglose Elektronik-Firma gekauft und schlug vor, dass der junge Endenburg versuchen sollte, sie vom Verlust in die Gewinnzone zu führen. Endenburg hatte innerhalb eines Jahres Erfolg und die Firma schloss sich mit Endenburg Electrotechniek zusammen. Ermutigt durch seine Erfahrungen bei Kees Boeke und von Freunden dazu herausgefordert, seine Vorstellungen von Soziokratie und Kybernetik (die Wissenschaft von der Seuerung und Kontrolle) auf das Management zu übertragen, übernahm Endenburg das Management von Endenburg Electrotechniek. Seine Eltern verlangten nur von ihm, dass die Firma weiterhin ein Versuchslabor für neue Ideen im Bussinessmanagement sein sollte.


Ausgehend von seinem Leben, das reich an Erfahrungen und Experimenten war, entwickelte Endenburg bestimmte Orgnisationsprinzipien, die die Frage beantworten: Wie MACHT man das? Diese Prinzipien bilden die Grundlage von Endenburgs Soziokratie und ließen das soziokratische Führungsmodell auch außerhalb spiritueller und anderer egalitär ausgerichteter Gemeinschaften aufblühen.



Was der Soziokratie zu Grunde liegt


So wie das Vier-Schritte-Modell mir einen Weg aufzeigt, mein Denken so zu strukturieren, dass es mein Leben aus einer lebendigen Energie heraus fördert, so zeigen Endenburgs vier Organisationsprinzipien einen Weg auf, der es Organisationen ermöglicht in befriedigender und lebendiger Art und Weise zu arbeiten.


Während ich die soziokratische Struktur als etwas beschreibe, das eine wünschenswerte Art des Arbeitens unterstützt, mögen andere sie vielleicht anders beschreiben. Einige werden unterstreichen, dass sie die Werte und Beiträge von jedem einzelnen Mitglied einer Organisation wertschätzt. Wieder andere würden betonen, wie sie den Arbeitsablauf und die Kreativität optimiert. Dann wiederum mögen einige hervorheben, dass sie insbesondere die notwendigen Bedingungen fördert für die Schaffung einer lernenden Organisation. Einige werden den Aufbau eines Lebens- und Arbeitsraumes rühmen, in der sie ihre tiefsten Werte gewürdigt sehen können. Und wieder andere werden sagen, dass es einfach Freude macht.


Der Wunsch nach Gleichwertigkeit


Die vier Organisationsprinzipien haben zwei Quellen: 1) Endenburgs eigene Erfahrung in Organisationen, die von dem Wunsch nach Gleichwertigkeit durchdrungen waren und 2) sein wissenschaftliches Verständnis von der Dynamik von Systemen (Systemtheorie).

Der Absatz über die Geschichte der Soziokratie hat einige Einflüsse egalitären Denkens berührt. Im folgenden Absatz werde ich die Einflüsse aus dem Bereich der Systemtheorie beleuchten, die ebenso den Prizipien zu Grunde liegen.


Die Dynamik in Systemen


Ich persönlich sehe die Welt durch eine GFK-Brille. Alles was geschieht, übersetze ich in die Sprache von Gefühlen und Bedürfnissen (manchmal auch erst nachdem es geschehen ist), in der Absicht, mir über die inneren und äußeren Aspekte meiner Welt klar zu werden.


Wie sieht die Welt aus für jemanden, der/die ein wissenschaftliches Verständnis von Systemen hat ? Wie übersetzt eine solche Person die Informationen aus der Umgebung, um sich Klarheit zu beschaffen?


Stell dir vor, ich erklärte Endenburg, wie ich die Welt sehe. Was würde Endenburg durch seine Brille sehen, die auf der Wahrnehmung von Systemen basiert? Wie würde das GFK-Modell für ihn durch diese Brille betrachtet aussehen?


Stell dir vor, ich erzählte Endenburg angeregt von GFK. Zuerst würde ich ihm sagen, dass das GFK-Model auf allen drei Ebenen anwendbar ist: individuell, in Beziehung zu anderen Personen, im größeren Kontext von Gruppen, Organisationen und in der Welt als Ganzes.


Dann würde ich das Vier-Schritte-Modell beschreiben und als Beispiel die individuelle Anwendung wählen, die Selbstempathie.


Als er die Erklärung der vier Schritte (Beobachtung – Gefühle- Bedürfnisse und Bitte) hört, fängt er an zu grinsen. (Dieses Szenario ist fiktiv, aber ich wette er würde grinsen. Alles weiter ist meine Vermutung dessen, was er dazu sagen würde.)


“Dieses GFK-Modell muss sehr gut funktionieren. Wissen Sie warum?”


Ich bin verwirrt, weil ich denke, dass er denkt, dass ich es nicht wüsste. “Ja natürlich weiß ich das: Weil es mich mit dem verbindet, was in mir lebendig ist.”


“Ja. Und wissen Sie warum es das tut?”


Jetzt bin ich noch verwirrter, “Weil es mich dazu bringt, meine Aufmerksamkeit auf mich selbst zu lenken?”


Er ist ein freundlicher Mensch und lässt mich nicht zu lange im Ungewissen. “Weil es Ihre Aufmerksamkeit genau dort hin bringt, wofür das menschliche System eigentlich ausgerichtet ist. Jedes organische und organisierte Leben erhält sich selbst durch zyklische Prozesse (Kreisprozesse). Diese Prozesse ermöglichen es dem Organismus, sich ständig an Veränderungen und Störungen in der Umgebung anzupassen. Zyklische Prozesse bestehen immer aus drei Teilen. Indem sie diese drei Teile bewusst identifiziert, stärkt die GFK das menschliche System und beginnt seine Funktion zu optimieren.”


Er fährt fort: “Ich musste mir ein Lachen verkneifen, weil Sie dazu sagten, “mit dem in Verbindung zu kommen, was lebendig in Ihnen ist”, und dass Sie sich lebendiger fühlen, wenn Sie damit üben. Dynamische Prozesse sind die Grundlage des Lebens. Leben wäre ohne sie nicht möglich. Mit dem Stärken der natürlichen, dynamischen Funktion Ihres menschlichen Systems bringt die GFK buchstäblich mehr Leben in Ihr System.”


Jetzt bin ich es, die grinst.


Etwas passt allerdings noch nicht ganz, sodass ich einwerfe: “Aber die Gewaltfreie Kommunikation hat vier Teile. Sagten Sie nicht ‘Indem sie die DREI Teile identifiziert…?’”


“Ja, das stimmt. Die drei Teile jedes dynamischen Systems sind Leiten, Tun und Messen. Die genaue Manifestation jeder Funktion hängt vom jeweiligen System ab. Eine Zelle führt alle drei Funktionen aus. Der Teil Ihres menschlichen Systems, das vom GFK-Modell beschrieben wird führt alle drei Funktionen aus und eine Organisation kann alle drei Funktionen ausführen.”


Als geborener Lehrer (so wie als natürliche Giraffe) fragt er mich: “Wollen Sie mal versuchen herauszufinden, welche Teile Ihres GFK-Modells mit den drei Funktionen von dynamischen Systemen übereinstimmen?


Ich bin immer noch ein bisschen verwirrt, weil das GFK-Modell vier Teile hat, versuche es aber doch mal: “Die Beobachtung muss zum Messen gehören…Die Gefühle,…hmm,… Ich glaube, die gehören auch noch zum Messen.


Bedürfnisse,…Bedürfnisse müssen… Führen sein?


Die Bitte wäre dann Tun.”


Zufrieden antwortet er: “Das ist so ziemlich das, was ich auch sagen würde.


So wie Sie die Begriffe in GFK beschreiben, würde ich auch die Beobachtung und die Gefühle als den messenden Teil bezeichnen.


Ich stimme auch zu, dass die Bedürfnisse die führende Funktion haben. Die führende Funktion wertet die Messungen aus und entscheidet auf der Grundlage dieser Messungen darüber, was getan werden kann. Beim Auswerten der Messungen Ihrer Beobachtung und Ihrer Gefühle, und beim Bestimmen der Bedürfnisse, die dabei berührt sind, führen Sie den analysierenden Teil der Leitungsfunktion aus.


Die leitende Funktion entscheidet auch darüber, was getan werden kann. Das tut sie aufgrund der analysierten Messungen. Deshalb würde ich sagen, dass die Bestimmung der Bitte auch Teil der leitenden Funktion ist.


Ihre Idee, dass die Bitte auch mit der ausführenden Funktion (Tun) verbunden ist, finde ich auch richtig. Wenn die leitende Funktion bestimmt hat, was getan werden kann, dann setzt die ausführende Komponente das um. Wenn Sie der genaue technische Hintergrund interessiert: Kehlkopf und Stimmbänder führen die Entscheidung aus (Tun), eine Bitte zu formulieren.


“Wir können noch tiefer ins Detail gehen, um zu sehen wie Ihr GFK-Modell in die grundlegenden Strukturen von dynamischen Systemen passt., aber der wichtige Punkt ist zu erkennen. Ihr Modell beinhaltet alle drei Funktionen. Dies ist wesentlich und ich bin mir sicher, das ist der Grund für den Erfolg dieses Modells.


Ich lächle und feiere still die Erkenntnis, dass Marshall in gleicher Weise, aber unabhängig von den Systemtheoretikern arbeitet. Er hat ein Modell geschaffen, das mit der Dynamik von Systemen übereinstimmt.


“Möchten Sie noch einen weiteren Grund wissen, warum ich vorhin grinsen musste, als Sie mir von Ihrem Modell erzählten?”


“Ja,” antwortete ich. Die erste Erklärung hatte mir gefallen.


“Ich habe gegrinst, weil mir gefiel, dass Ihr GFK-Modell mit jener Mess- oder Feedback komponente arbeitet, die am schnellsten zur Verfügung steht.”


Er grinst schon wieder, als er sagt: “Haben sich sich jemals gefragt, warum so viele Organisationen irgendwie seltsam tot und leblos wirken?”


In der Annahme, dass dies der Fall ist, fährt er fort: “Der Grund ist, dass seit vielen Jahren, vielleicht schon seit einigen tausend Jahren, die meisten gesellschaftlichen Gebilde –Regierungen, Wirtschaftsunternehmen und sogar Familien – wenige oder keine messenden Komponenten enthalten.


Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes leblos. Sie sind keine voll funktionsfähigen dynamischen Systeme.


Jetzt bringen sie Menschen als Kinder in solche Strukturen. Um sich an eine Struktur mit einer reduzierten oder nicht existierenden messenden Komponente anzupassen, werden Menschen ihre eigene messenden Funktionen reduzieren. Andernfalls könnten sie in dieser Struktur nicht überleben – die ständigen Alarmsignale aus ihrer inneren Messung würden sonst nicht zu überhören sein.


Es fällt Menschen sehr schwer, in diesen Strukturen lebendiger zu werden. Das ist ein Grund, warum ich es für so wichtig halte, die Strukturen zu verändern.


Es gibt noch einen weiteren Grund, warum das für mich wichtig ist. Wenn wir in den Strukturen nicht die messende Komponente stärken, indem sie sich öffnen für die Messungen der ihnen angehörenden Individuen, dann muss das System die Quelle der unbequemen Messungen ausmerzen. Das bedeutet, die Fähigkeit zu messen wird weiter vermindert und die Möglichkeiten das Leben zu erhalten sind gering.



“Das ist der andere Grund, warum es überlebenswichtig ist, die Strukturen zu ändern.. Wenn wir es nicht schaffen, unmittelbare Formen von Feedback einzubeziehen, dann wird das Leben auf diesem Planeten für uns vielleicht nicht mehr möglich sein.”


Wir beide bleiben für einige Minuten still und lassen uns seine Worte durch den Kopf gehen.


Schließlich bricht Endenburg das Schweigen: “Möchten Sie hören, wie die vier soziokratischen Organisationsprinzipien ein dynamisches Arbeiten in Organisationen ermöglicht? Wie es eine Oganisation dabei unterstützt, in einen lebendigen Prozess zu kommen?



Meine Augen öffnen sich voller Erwartung: “Ja, bitte.”


“So wie Ihr GFK-Modell unterstützen die Prinzipien das System dabei, dynamisch zu werden. Sie fokussieren die Aufmerksamkeit auf alle drei Komponenten, die für ein dynamisches Funktionieren nötig sind. Und genau wie die GFK richten sie besonderes Augenmerk auf die messende Komponente.”


Die vier Organisationsprinzipien der Soziokratie


Dies wird das Hauptthema des morgigen Workshops sein!!


Falls du keinen Workshop besuchst (oder auch wenn du das tust) und gern eine Kopie des nächsten Teils dieses Textes (den ich erst noch schreiben werde) hättest, dann sende eine eMail an mich unter: mmh@alum.mit.edu. (in Englisch / oder in Deutsch an imdierkes@googlemail.com)